Selbstbestimmt leben – wir helfen e. V.
Für ein Leben, das dort bleibt, wo es zuhause ist

Vor mir in der Sprechstunde saß ein Ehepaar, das an die Grenzen des Machbaren gekommen ist.
Sie: mit aggressivem Hirntumor, der ihr rapide Bewegung, Sprache und Kontrolle nimmt und voraussichtlich noch in diesem Jahr zum Tod führen wird.
Er: selbst schwer krank, sichtbar erschöpft.
Ihr Alltag spielt sich in einem Haus ab, das längst nicht mehr zu bewältigen ist.
Trotzdem kümmern sie sich weiter um ihre Tiere, um das Nötigste.
In der Beratung ging es ihnen in keinem Moment um sie selbst.
Ihr einziges Anliegen war die Mutter der Frau.
Hochgradig dement, im Pflegeheim, rund 5.000 Euro im Monat – untragbar.
Bleibt nur der Antrag auf Unterstützung beim Sozialamt.
Sechzehn Seiten.
Sechzehn Seiten mit Fragen. Formal alles nachvollziehbar – und im Normalfall auch begründbar.
Aber wer bitteschön soll in diesem Zustand drei Monate lückenlose Kontoauszüge, Rentenbescheide und Vollmachten herbeizaubern, während das Gehirn gerade die Fähigkeit verliert, einen Satz zu Ende zu sprechen?
Obwohl entsprechende Ausnahme-Spielräume im System vorgesehen sind, wurden diese im konkreten Fall nicht genutzt. Man beließ es bei der formalen Unbeugsamkeit.
Das Problem ist nicht, dass Informationen abgefragt werden.
Es ist die Art und Weise, in der – auch bei offenkundiger Überforderung der Betroffenen – formale Anforderungen so stark dominieren, dass die individuelle Ausnahmesituation in den Hintergrund gerät.
Die Menschen dahinter – Nachbarn, ehemalige Lehrer, Bekannte oder Vereinskollegen – geraten dabei aus dem Blick.
Wenn Menschen in einer akuten Ausnahmesituation dieselben Anforderungen erfüllen müssen wie jemand mit stabilen Lebensumständen, entsteht keine Gleichbehandlung, sondern Überforderung. Und es entstehen zusätzliche Kosten – etwa durch die Einsetzung eines gesetzlichen Betreuers, der ohne diese Hürden vermeidbar gewesen wäre.
In solchen Momenten stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Was bedeutet Fürsorge, wenn jemand nicht mehr kämpfen kann?
Wir haben einen Weg gefunden. Ich war froh darüber – und gleichzeitig fassungslos, dass es diesen Weg überhaupt brauchte.
Aber der Eindruck bleibt: Ein Amt, das in Ausnahmesituationen keine Ausnahmen zulässt obwohl das System es ermöglichen würde, erzeugt nicht nur Überforderung – sondern am Ende auch zusätzliche Kosten.
Und die Wut darüber bleibt.